Hessischer Schulunterricht

Von Peter Hanack

Lehrer sollen heute so ziemlich alles vermitteln, was fürs Leben wichtig ist - das stößt an Grenzen. Kann man Glück unterrichten? In Fulda versucht das eine Privatschule seit vergangenem Jahr im Ethikunterricht. Bayern dagegen will in seinen Schulen praktisches Alltagswissen lehren und das Fach „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ einführen, in dem Wissen und Wertschätzung von der Natur, der heimischen Landschaft, Klimaschutz und gesundem Essen vermittelt werden sollen.


Ideen, was Schule noch alles leisten müsse, sind zahllos. In der Praxis aber stößt die Einführung eines neuen Fachs oder auch nur die Ausweitung bestehender Angebote schnell auf Widerstände. In Hessen wird das an der geplanten Aufstockung des Deutschunterrichts an den Grundschulen und der Aufwertung der politischen Bildung deutlich.


Die schwarz-grüne Landesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass das Fach Politik und Wirtschaft (Powi) künftig verpflichtend bis zum Abitur besucht werden muss. Es soll sich nicht mehr, wie bisher, abwählen lassen. Die Ziele, die die Landesregierung damit verfolgt, erscheinen plausibel. „Wir müssen für ein Lernklima sorgen, das einer Verrohung der Gesellschaft frühzeitig und entschieden entgegentritt“, heißt es in der Vereinbarung. Wertevermittlung und Demokratieerziehung seien dafür entscheidende Grundlagen.


Doch hätte die Verpflichtung, Politik und Wirtschaft bis zum Realschulabschluss beziehungsweise zum Abitur zu belegen, wahrscheinlich Auswirkungen auf andere Fächer. Die Geografielehrer fürchten sogar, dass Erdkunde in der gymnasialen Oberstufe fast vollständig vom Stundenplan verdrängt werden könnte. „Es bliebe dafür ja kaum noch Zeit“, sagt Dietmar Steinbach vom Landesvorstand der Schulgeographen im Gespräch mit der FR (siehe Interview auf dieser Seite).


Schon heute belegen nach Zahlen des Kultusministeriums lediglich knapp sechs Prozent der Oberstufenschüler Erdkunde bis zum Abitur. An nur sieben Prozent der Gymnasien gibt es einen Erdkunde-Leistungskurs. Steinbach geht davon aus, dass es noch deutlich weniger werden, wenn Powi Pflichtprogramm wird.


Um Deutsch als Bildungssprache zu fördern, wie es sich Kultusminister Alexander Lorz (CDU) als amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz vorgenommen hat, soll der Unterricht an den Grundschulen um eine Wochenstunde aufgestockt werden. Auch das ist im Koalitionsvertrag festgehalten. Umgesetzt ist das durchaus ambitionierte Vorhaben noch nicht.


Unbestritten ist, dass dies sinnvoll erscheint. Nicht nur viele Migranten und Flüchtlingskinder haben Schwierigkeiten mit Deutsch, auch viele Muttersprachler weisen deutliche Defizite im Umgang mit der Sprache auf. Also soll gegengesteuert werden. Klar ist aber auch, dass es zurzeit noch gar nicht genug Lehrkräfte gibt, um den Plan auch flächendeckend an den rund 1150 hessischen Grundschulen mit ihren mehr als 21.500 Klassen umzusetzen.


Gerade erst haben auch noch die Kulturschaffenden gefordert, Theater in Hessen zu einem ordentlichen Fach an allen Schulen zu machen. Auch sie haben gute Gründe genannt. Theaterspiel biete Kindern und Jugendlichen die Chance, sich in verschiedenen Rollen auszuprobieren, ein Fach Theater könne zudem allen einen professionellen Zugang zu den darstellenden Künsten eröffnen.


Gefragt, wie es zu dieser Forderung stehe, verweist das Kultusministerium auf das Fach „Darstellendes Spiel“. Dieses habe sich bereits an vielen Schulen etabliert und könne sogar als viertes oder fünftes Prüfungsfach im Abitur gewählt werden. Das Fach, so die GEW, stehe daher gar nicht so schlecht da. Vielmehr fehle es an dafür ausgebildeten Lehrkräften.


„Im Übrigen“, so ein Sprecher des Ministeriums, „sind viele Schulen kreativ und setzen neue Ideen auch außerhalb des regulären Unterrichts um, häufig in Arbeitsgemeinschaften.“ Dort seien auch Inhalte wie die Lehre vom Glück oder das Wissen um die Dinge des Alltags gut aufgehoben.


Entsprechend zurückhaltend äußert sich das Ministerium zu den bayerischen Plänen für das Fach Alltagswissen. Viele der dort vorgesehenen Lehrinhalte würden bereits in Politik und Wirtschaft vermittelt. An Haupt- und Realschulen würden entsprechende Inhalte zudem im Fach Arbeitslehre thematisiert. Auch von der GEW heißt es, ein Fach Alltagswissen sei nicht sinnvoll. Immer wieder gebe es teils sehr spezielle Vorschläge zur Ausweitung des Fächerkanons: Glück, Golf, Schlafen et cetera. Der Unterricht könne aber nicht nach Belieben ausgeweitet werden.


Quelle: Peter Hanack, Frankfurter Rundschau, 01.09.2019

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Letzte Aktualisierung: 03.09.2019 | ER